Zöpfe abschneiden – OS-X 10.7 Lion

Für Entwickler gibt es seit Kurzem die Möglichkeit, sich OS-X 10.7 Lion zu installieren und auf erste Entdeckungsreise zu gehen. Es gibt bereits viele Berichte mit Bildschirmfotos zum neuen Wurf aus dem Hause Apple, daher möchte ich hier nicht auf diesen Zug aufspringen.

Interessant fand ich aber einen Punkt, der an vielen Stellen recht emotional diskutiert wird: Wird 10.7 keine PPC-Anwendungen mehr ausführen können? Rosetta ist in der aktuellen Beta-Version jedenfalls nicht mit an Bord.

Rosetta

Rosetta ist so etwas wie eine Kompatibilitätsumgebung für alte Software, die ausschließlich für die PowerPC Prozessoren kompiliert wurden. Die Rosetta-Umgebung kann diese Anwendungen lesen und so uminterpretieren, dass sie auf aktueller Intel-Hardware lauffähig ist. Vor etwa 6 Jahren wurde diese Technik eingeführt als Apple komplett zu Intel-Prozessoren wechselte. Am liebsten hätte Apple wohl komplett auf PPC-Anwendungen verzichtet aber man sah wohl ein, dass man dies mit den Anwendern kaum hätte machen können. Die Richtung war aber klar: PowerPC gibt es nicht mehr – Stellt Eure Software um.

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Software umstellen

Nun gibt es aber auch alte Programme die nicht mehr auf Intel umgestellt werden. Als bekanntes Beispiel wird immer wieder Freehand genannt, jene Software für Designer, die durch Adobe aufgekauft und dann beerdigt wurde. Die Kunden sollten wohl nach dem Willen von Adobe auf den Hauseigenen Illustrator wechseln aber so wie ich die Anwender verstehe hat Adobe bis Heute keinen brauchbaren Konverter für Freehand-Bibliotheken angeboten.
Das war bis jetzt kein so großes Problem weil solche Programme in der Rosetta-Umgebung ja vielleicht nicht schnell aber immerhin noch liefen und genau das könnte sich mit OS-X 10.7 jetzt ändern.

Fortschritt vs. Planungssicherheit

Es gibt nun zwei Fronten unter den Apple-Nutzern die ich jetzt mal bewusst plakativ beschreiben möchte:

  • Zum einen die Arbeiter. Sie müssen und möchten Geld mit Ihrer Arbeit verdienen. Sie erledigen Routinearbeiten (was nicht bedeutet, dass dies ohne Kreativität vonstatten ginge) und sind angewiesen auf einen konsistenten Workflow. Sie möchten möglichst wenig Zeit mit dem System und möglichst viel Zeit an der eigentlichen Arbeit verbringen. Es geht darum, möglichst viele Projekte in möglichst kurzer Zeit fertig zu stellen, möglichst viel Gewinn bei möglichst geringem Einsatz.
    Das Budget oder die Gewinnspannen sehen es nicht vor, alle 2 oder 3 Jahre neue Software zu kaufen und schon gar nicht ist die Zeit vorhanden auf eine komplett andere Software zu wechseln. Ein Software-Wechsel bedeutet nicht nur hohe Anschaffungskosten sondern auch unglaublich viel Zeitaufwand um bestehende Bibliotheken (Grafiken, Dateien aller Art) umzustellen oder neu zu erstellen und natürlich auch um die die neue Software überhaupt bedienen zu können.
    Diese Gruppe wirft der zweiten Gruppen vor, dass sie doch nur mit den Macs „spielen“ würden, sie am liebsten wohl nur noch iPods und iPads hätten und überhaupt nicht verstünden, dass man als selbstständig arbeitende Person eben nicht mal eben alles umstellen kann.
  • Zum anderen die Visionäre. Es geht um Fortschritt. Von Apple wird gefordert immer neue innovative Konzepte zu realisieren. Es soll alles einfacher und hübscher werden. Es nicht so wichtig, was eine Software Gestern getan hat, wichtiger ist, was sie Morgen können wird. Der Tenor ist klar: Man muss alte Zöpfe mutig abschneiden können um Platz für neue Ideen zu schaffen. Wie soll ein System schlank und schnell bleiben und sich dennoch weiter entwickeln, wenn es 10 Jahre alte Programme unterstützen muss? Das kann nicht funktionieren, jedenfalls nicht auf lange Sicht.
    Diese Gruppe wirft der ersten Gruppe vor, dass sie wohl lange genug Zeit gehabt hätten ihre Anwendungen umzustellen, dass sie sich über die Maßen wichtig nehmen würden oder sie die als „die ewig Gestrigen“ wohl langsam mal aufwachen sollten.

Nur scheinbare Lösungen

Die Lösung der Visionäre für die Sorgen der Arbeiter ist ganz einfach: Kauf doch einfach nicht das neue 10.7 wenn Deine Programme damit nicht mehr laufen. Das alte System läuft doch noch weiter und zur Not behält man einfach den alten Rechner noch, solange man die alte Software noch benötigt.

Klingt plausibel aber ganz so einfach ist es ja eben nicht.

Betrachten wir einmal zwei Szenarien:

  • a) Der alte Rechner geht kaputt. Dieses Modell gibt es schon lange nicht mehr. Also neuen Rechner kaufen. Und jetzt? Auf den aktuellen Macs läuft kein altes OS-X mehr. Apple hat da eine recht harte Grenze, vermutlich weil man für die alten System keine Treiber für die neue Hardware anbieten möchte. Schon hat man ein Problem, wenn man auf ein altes System wegen alter Software angewiesen ist. Dabei rede ich gar nicht vom Luxus, dass man sich einfach mal einen schnelleren Rechner gönnen möchte…
  • b) Der alte Rechner läuft noch und somit auch die alte Software. Alles ist gut. Nun arbeitet man mit mehr als einer Software und Software kann Fehler haben.
    Jetzt gibt es für eine aktuelle Software ein noch aktuelleres Update, welches Fehler behebt aber dummerweise ein aktuelles OS-X voraussetzt.
    Was nun? Mit dem alten Fehler leben? Ein OS-X Update machen um den Fehler zu beheben aber dafür die alte Software nicht mehr nutzen können? Zweiten Rechner kaufen? Zwickmühle!

Lösung von Apple verboten

Apple könnte viele dieser Probleme lösen, indem sie einfach zulassen würden, dass man OS-X in einer virtuellen Umgebung laufen lassen könnte. Wegen mir sollen sie es so einschränken, dass dies nur auf Apple-Hardware gestattet ist. Dann könnte man 10.3, 10.4 oder 10.6 etc. virtuell starten um nach Bedarf die Umgebung zu haben, die man für seine Software gerade benötigt. Das wäre vielleicht nicht ganz so schnell aber man wäre durchaus arbeitsfähig.

Technisch ist das schon Heute machbar, Apple erlaubt es aber nicht und so haben z.B. die Hersteller von Parallels und vmWare diese Möglichkeit per Software abgestellt.

Es besteht aber noch ein Funken Hoffnung.
Zum einen hat Apple die Virtualisierung von „OS-X 10.6 Server“ auf Apple-Hardware gestattet. Da es bei OS-X 10.7 keine eigene Server-Version mehr geben wird sondern nur noch eine gemeinsame Version in der die Server-Komponenten enthalten sind, wäre es doch denkbar, dass eine Virtualisierung von 10.7 offiziell erlaubt wird, wie sonst sollte man einen virtuellen 10.7 Server laufen lassen? Ob Apple in dem Zug dann auch die Virtualisierung älterer System dulden wird? Es würde vielen Nutzern helfen.
Zum anderen handelt es sich bei 10.7 noch um eine Beta-Version. Zwar bedeutet „Beta“, dass die Funktionalität schon komplett enthalten sein sollte aber wir kennen ja Apple. Es wäre nicht verwunderlich, wenn es eine weitere Beta-Version gäbe oder wenn in der endgültigen Version doch noch Dinge enthalten sind, die jetzt noch fehlen. Es ist also prinzipiell möglich, dass Rosetta doch noch für 10.7 kommt, wenn die Proteste laut genug werden.

Fazit

Abwarten und Tee trinken? Vielleicht wird es nach 6 Jahren wirklich Zeit sich von altem Code zu verabschieden, so hart das für die Betroffenen auch sein mag. Ganz bestimmt sollte sich Apple etwas weniger abschotten und Virtualisierungen ihrer Betriebssysteme offiziell gestatten.
Apple fährt seit jeher einen harten Kurs und der Erfolg gibt ihnen Recht. Allerdings haben sie bei so einem Kurs schon einmal den Abgrund vor ihnen übersehen und entkamen ihm nur knapp. Ich wünsche mir, dass Apple nicht erneut treue Kunden verprellt und sie weiterhin Hard- und Software für die Arbeiter-Gruppe anbieten werden und das auch wirklich ernst nehmen.

Nachtrag 01.03.2011
Mit einem Skript, dem MultiMac Helper, soll man VMware Fusion auf den Einsatz von OS-X 10.5 vorbereiten können. Ich habe es selbst nicht getestet.

3 Kommentare zu “Zöpfe abschneiden – OS-X 10.7 Lion

  1. kompaktfotoknipser

    Laut Wikipedia lässt sich Mac Os X mit Virtualbox installieren. Das kann zumindest bedingt weiterhelfen: http://de.wikipedia.org/wiki/VirtualBox

  2. Ich würde auch mal zu einem Blick auf VirtualBox raten. Ich habe damit erst vor einigen Tagen VmWare Server auf meinem Linuxrechner abgelöst, weil der seit ca. 2 Jahren auch nicht so recht weiter gepflegt wird und nur sehr fummelig mit gepatchten Kernelmodulen zum Laufen zu bringen war. VirtualBox hat sich in den letzten 2 Jahren sehr stark gemausert und kann IMHO den Platzhirschen locker das Wasser reichen und ist in manchen Punkten sogar besser. Und es wird sehr aktiv weiterentwickelt.

  3. Datenarchiv-Verwalter

    Aktuell noch im Apple-Store erhältlich:
    Mac OS X Server v10.6 Snow Leopard für 23,95 Euro inkl. MwSt. und Versand. Habe ich am 6.11.2013 gerade bestellt.
    Allerdings nur telefonisch im Apple-Store bestellbar Tel. 0800 2000 136, auf der Apple-Store-Website nicht zu finden, warum wohl?
    Für Mac OS X Server v10.6 Snow Leopard hat Apple die Erlaubnis erteilt es zu virtualisieren!
    Somit besteht eine offizielle Möglichkeit auch ältere Programme zu nutzen die Rosetta benötigen, zumindest nach dem Stand von heute >> 7.11.2013
    Für mich als Datenarchiv-Verwalter ein Segen, Tausende Freehand-Dateien dürfen weiter leben! Nicht das ich damit weiter arbeite, aber man muss sie doch wenigstens öffnen können nachdem Adobe mit CS6-Illustrator auch den Zopf abgeschnitten hat.

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