OKM – Stereo war Gestern

OKM Schachtel geschlossen

Als Podcaster ist man immer interessiert an neuen Entwicklungen im Bereich der Audio- und Video-Technik. Angefangen habe ich z.B. mit einem einfachen Gesangsmikrofon. Dann folgte ein hochwertiges Großmembran-Kondensatormikrofon und schließlich fand ich ein mobiles Aufnahmegerät mit Stereomikrofon um auch unterwegs Stimmungen einzufangen oder Reportagen vor Ort durchführen zu können. Das mitgelieferte Stereo-Mikrofon sorgt schon für eine ziemlich gute Qualität (zu hören in den „On Tour“-Folgen meines Podcasts) aber es hat doch einen Nachteil: Man muss das Gerät immer in der Hand halten oder irgendwo hinlegen. Für Interviews völlig OK. Für reine Soundseeings aber hinderlich da man nur noch eine Hand frei hat und die andere u.U. ziemlich kalt wird bei den aktuellen Temperaturen.

Dann stolperte ich über die OKM – die Original-Kopf-Mikrofone von Soundman

Räumlich hören
Diese OKM sehen im Grunde aus wie gewöhnliche Ohrhörer und man trägt sie auch genau so – in den eigenen Ohren. Die Idee dabei: Geräusche erreichen unsere beiden Ohren niemals zur gleichen Zeit mit derselben Lautstärke. Die Ohren liegen ja ein Stück auseinander und dazwischen ist unser Kopf. Außerdem schirmen unsere Ohren den Schall unterschiedlich in verschiedene Richtungen ab. Die Ohrmuschel sorgt wiederum für verschiedene Reflektionen des Schalls. Aus diesen kleinen Unterschieden (Laufzeit des Signals, Frequenzspektrum, etc.) kann unser Gehirn nun ermitteln, ob eine Geräuschquelle links oder rechts von uns ist. Aber damit nicht genug! Außerdem können wir ermitteln, ob sich die Quelle vor oder hinter uns befindet und ob sie sich eher oberhalb oder unterhalb unserer Ohren bemerkbar macht.
Mit anderen Worten: Wir hören unsere Umgebung räumlich.

Um diese Räumlichkeit für hochwertige Aufnahmen, z.B. Orchesteraufnahmen, zu nutzen hat man schon recht früh einen sogenannten Kunstkopf entwickelt. Man hat viele Köpfe und Ohren von Menschen vermessen und dann quasi einen „statistischen Normalkopf“ entwickelt. In diesem Kopf befinden sich dann die Mikrofone um ein Konzert aufzunehmen. Das Ergebnis sind unglaublich lebendige und räumliche Aufnahmen – so, als wäre man selbst im Konzertsaal anwesend.
So ein Kunstkopf ist nicht gerade billig und es wäre auch sehr umständlich ihn immer mit sich herum zu tragen. Der Vorteil ist aber, dass recht viele Menschen in den vollen Genuss des 3D-Erlebnisses kommen.

Die OKM setzen nun auf genau das selbe Prinzip. Die Mikrofone kommen in die eigenen Ohren und ab sofort zeichnet das Aufnahmegerät genau das auf, was man selbst hört – und zwar genau so wie man es selbst auch hört. Statt eines teuren Kunstkopfes kommt der eigene Kopf zum Einsatz. Das ist ziemlich praktisch, denn den eigenen Kopf hat man meistens immer dabei und er kostet nichts extra smile

Es funktioniert wirklich
Die Skepsis, ob diese Aufnahmetechnik wohl wirklich funktionieren würde, verflog sehr schnell. Ich möchte dazu eine kleine Geschichte erzählen die schon etwas zurück liegt. Im Jahr 2006 war ich in Oberhausen bei den Kurzfilmtagen. Dort traf ich unter anderem Frank Tentler und eben jener hatte diese OKM bei sich und lies sie mich testen. Wir saßen in einem Café. Ich setzte mir die OKM in die Ohren und schloss sie an meinen MicroTrack an. Die Aufnahme lief. Ich saß einfach nur so da. Nach einigen Sekunden stoppte ich die Aufnahme und setzte mir nun einen kleinen Kopfhörer auf und spielte die Aufnahme wieder ab. UNGLAUBLICH! Ich war nicht in der Lage die aktuellen, echten Geräusche von der Aufnahme zu unterscheiden. Ich hörte jemanden an mir vorbeigehen und drehte mich reflexartig um da ich niemanden sah – das war aber die Aufzeichnung!
Dieser 100%ige Realismus ist natürlich gegeben, wenn man sich selbst beim anhören der eigenen Aufnahme auch in derselben Umgebung wiederfindet. Hört man sich die Aufzeichnung zu Hause an, dann ist es zwar immer noch räumlich und „echt“ – aber man weiß natürlich, dass man gerade nicht einem Café sitzt.
Dennoch – ich hörte mir eine Aufnahme zu Hause in Ruhe an und ärgerte mich unheimlich darüber, dass nun gerade jetzt draußen so viele Autos fahren müssen, wo ich doch in Ruhe der Aufnahme lauschen wollte. Ich stoppte den MP3-Player um die Fenster zu schließen – doch sofort waren die Autogeräusche auch weg. Sie waren nur in der Aufnahme vorhanden und doch klangen sie für meine Ohren so real.

Es funktioniert also tatsächlich. Das, was man selbst hört, wird ziemlich exakt auch so konserviert.
Nun muss man allerdings bedenken, dass der 100%ige Effekt nur für einen selbst zutrifft. Für einen selbst klingen die Aufnahmen also absolut real. Andere Menschen haben aber andere Köpfe und andere Ohren und somit eine ganz andere Hörgewohnheit. Hat jemand anders eine ähnliche Kopf- und Ohrform, dann wird es auch für ihn ein extrem realistisches Hörereignis sein. Für alle anderen klingt es zwar nicht so real als wäre man selbst dabei gewesen, aber, so die Erfahrungen, es klingt immer noch um längen plastischer als eine normale Stereoaufnahme. Schon alleine deshalb, weil die beiden Mikrofone deutlich weiter auseinander liegen als bei einem normalen Stereomikrofon.

Was man für sein Geld bekommt

OKM Schachtel geöffnet

Wer sich auf der Soundman-Seite umsieht wird feststellen, dass wir bei diesen OKM nicht von Spielzeugmikrofonen reden. Es sind hochwertige und professionelle Geräte die auch ihren Preis haben. Ich habe mich nach einer sehr guten Beratung von Soundman für die OKM II Klassik entschieden.

Geliefert wurde eine kleine Schachtel in der wiederum eine kleine Kiste steckte. Eine edel aussehende Schmuckschatulle mit Messingverschluss. Schick. Öffnet man diese Kiste so wird der noble Eindruck durch eine samtrote Innenverkleidung noch verstärkt. Diese Kiste gehört eigentlich geöffnet ins Regal smile
In der Kiste findet man eine runde Kunststoff-Kabeltrommel in der die Mikrofone mit aufgewickeltem Kabel liegen – so, wie man es von unzähligen Ohrhörern auch kennt. Die Mikrofone sind mit Stoffpolstern abgedeckt. Hier wird auch der Unterschied zu normalen Ohrhörern deutlich: Die OKM sehen wie ein Sandwich aus. Statt eines Stoffpolsters auf jeder Seite gibt es auf jeder Seite zwei. In der Schachtel liegt außerdem für jedes Polster ein Ersatzpolster bereit. Die beiden Kanäle sind über das Polster farblich markiert: Rot = Rechts, Blau = Links (Eselsbrücke: Rot mit R wie Rechts, bLau mit L wie Links). Darauf sollte man achten wenn die Mikrofone trägt!
Die Farbmarkierung zeigt dabei nach innen – man läuft also nicht mit bunten Ohrhörern herum. Für Außenstehende sieht es aus wie schwarze Ohrhörer.

Ich habe außerdem einen kleinen Vorverstärker bestellt – den A3. Die Mikrofone brauchen nämlich, wie alle Elektret-Kondensator-Mikrofone, etwas Strom und nicht jedes Aufnahmegerät stellt diesen zur Verfügung. Am MikroTrack ist es kein Problem, ich hätte den Verstärker also nicht wirklich gebraucht, aber sollte ich mal ein günstigeres Aufnahmegerät einsetzen wollen könnte das Gerät praktisch werden. Eine zweite Batterie für das Aufnahmegerät lag ebenfalls dabei.

Technische Daten

OKM Schachtel ausgeräumt

Diese Daten kann ich nur aus den Unterlagen abschreiben da mir die Messgeräte fehlen um das zu prüfen.
Wie oben schon geschrieben handelt es sich um Elektret-Kondensator-Mikrofone mit Kugelcharakteristik.

Die OKM II Klassik sollen laut Soundman folgende Daten aufweisen (OKM + A3):
Übertragungsbereich: 20 Hz – 20 kHz
Pegeldifferenz links – rechts: typ. < 1,0 dB Geräuschspannungsabstand, Bezug 1 Pa: ca. 61 dB äquivalenter Geräuschspannungspegel: ca. 33 dB Übertragungsfaktor: 300 mV / Pa Übertragungsfaktor mit Vordämpfung: 30 mV / Pa Grenzschalldruck: 5 Pa (108 dB) Grenzschalldruck mit Vordämpfung: 35 Pa (125 dB) Klingt alles sehr technisch. Ich kann nur sagen: Die Aufnahmen sind sehr ausgewogen und haben mehr Volumen als die Aufnahmen, die mit dem m-audio Stereomikrofon entstanden. Alternative Anwendungen
Man muss die OKM nicht zwingend in den Ohren tragen. Man kann sie natürlich genauso gut als normale Stereomikrofone einsetzen.
Z.B. als Grenzflechenmikrofone. Dazu legt man die Mikrofone auf einen glatten Untergrund in einem Abstand von 5-10cm zueinander.
Oder als Ansteckmikrofone. Man kann sie z.B. mit einer Sicherheitsnadel am Jackett befestigen.

Beide Alternativen eignen sich gut, wenn die Aufnahme später über Lautsprecher angehört werden sollen.
Trägt man die OKM im Ohr, so sollte man die Aufnahme später am besten mit einem Kopfhörer genießen.

Fazit / Hörbeispiel
Ich finde diese Mikrofone richtig klasse. Anfangs dachte ich, dass sehr viele Störgeräusche vom Kabel aufgenommen würden. Wen man sich nämlich bewegt, dann hört man selbst die Bewegungsräusche des Kabels sehr deutlich. Aber die Befürchtungen waren unnötig, die Mikrofone scheinen perfekt entkoppelt zu sein.
Der Sitz in meinen Ohren könnte besser sein – aber meine Ohren sind da offenbar ohnehin etwas kritisch, ich habe nämlich auch noch keinen Ohrhörer gefunden der mir wirklich passen würde. Ich bekam von Soundman nun den Tipp die Ersatzstoffe noch zusätzlich aufzuziehen. Das werde ich beim nächsten Einsatz probieren.
Ich kann die OKM jedenfalls uneingeschränkt und mit gutem Gewissen empfehlen.

Aber schreiben ist Silber, hören ist Gold. Wenn Ihr wissen möchtet wie Aufnahmen mit den OKM klingen, dann hört Euch die Soundseeing-Folge #130 in meinem Podcast an.
Hintergrundinformationen zu dieser Aufzeichnung:
– Aufgenommen mit MicroTrack, ohne A3 Vorverstärker
– Aufnahmeformat war MP3, 128kbit, 44.1kHz
– Das MP3 wurde am Mac in Garageband importiert
– In Garageband wurde der Pegel etwas angehoben und ein leichter Kompressor hinzugefügt.

8 Kommentare zu “OKM – Stereo war Gestern

  1. Peter Brülls

    Ganz blöde Spielverderberfrage: Wie hast Du das mit der Vertraulichkeit des gesprochenen Wortes gemacht? Nur in der Öffentlichkeit aufgezeichnet?

  2. ja, einfach aufgezeichnet – wie das bei jeder Atmo-Aufnahme passiert.
    Bei Interviews wird halt vorher geklärt dass aufgezeichnet wird was in diesem Fall (aus eigener Aufregung beim Subway) ausblieb. Sollten die also Einwände dagegen haben muss ich den Teil wieder rausnehmen. Ist im Grunde wie bei Fotografie. Häufig ist einfach klar, dass Dein Gegenüber keine Probleme damit hat. Und wenn doch, dann darf derjenige auf Unterlassung bestehen und man muss das Bild entfernen.

  3. Peter Brülls

    Ne, leider ist das eben nicht im Grund wie bei der Fotografie, sondern ein ganzes Stück heftiger:

    http://dejure.org/gesetze/StGB/201.html

    Wär vielleicht mal interesant zu erfahren was der Jurist dazu meint, den ihr damals für für die Fororechtsfragen im Happy Shooting Podcast hattest.

  4. OK, nimm es mir nicht übel – aber ich möchte das hier in den Kommentaren nicht ausdiskutieren. Der Jurist ist spezialisiert auf das Fotorecht.

  5. Peter Brülls

    Aber klasse angehört hat es sich schon. Inbesondere das in der Kirche und die Skater. Man sollte es nicht hören, wenn man selber gerade läuft. Sehr irritierend, wenn da plötzlich gerade ein Bus neben einem fährt – auf dem Fußweg. :-)

  6. hahaha :) – ja, das Gefühl kenne ich! Ich finde das auch sehr beeindruckend.
    Interviews sind mit diesen Ohrhörern nicht so optimal – sie sind einfach zu weit weg vom Gesprächspartner (gilt jedenfalls für geräuschvolle Umgebungen). Wg. der klaren Aussage „hey, ich nehme jetzt etwas auf, ist das OK?“ werde ich wohl in Zukunft ein richtiges Mikro als „fake“ mitnehmen und in der Hand halten :) – und natürlich deutlich darauf hinweisen.

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