Tele staucht, Weitwinkel streckt?

Man liest es sehr häufig im Internet: „Mit einem Tele kannst Du die Perspektive stauchen“, „Mit dem Tele bringst Du die Dinge dichter zusammen“ und ähnliches.
Im Gegenzug ist dann davon die Rede, dass mit einem Weitwinkel genau das Gegenteil erreichen würde, dass man die Dinge also optisch weiter auseinander ziehen kann.

Das ist, so geschrieben, ein großes Missverständnis das ich gerne aufklären möchte.

Betrachtungsweisen
Zunächst einmal muss man zwei verschiedene Ansätze unterscheiden:
a) Den rein technischen Ansatz. Kann ein Objektiv die Perspektive stauchen um so Objekte scheinbar näher zusammen zu rücken? Bei diesem Ansatz änder der Fotograf seinen Standpunkt nicht! Man stellt sich an einen Punkt und macht von dort aus Bilder mit unterschiedlichen Brennweiten. Hier zeigt sich, dass ein Objektiv überhaupt nichts stauchen oder strecken kann.

b) Den fotografischen Ansatz. Hierbei geht es darum ein bestimmtes Motiv in einer bestimmten Größe (z.B. Formatfüllend) abzulichten. Benutzt man jetzt unterschiedliche Brennweiten, so muss der Fotograf seinen Abstand zum Motiv verändern damit das Motiv weiterhin in derselben Größe auf dem Bild erscheint. Dies ist genau der Ansatz in dem man die Stauchung/Streckung erlebt – das hat aber nur indirekt mit dem Objektiv zu tun.

Nun kann man sicherlich viel erzählen und schreiben, man kann die Gesetze der Optik rezitieren und und und.
Man kann es aber auch einfach selbst ausprobieren smile

Technischer Ansatz
Der Beweis, dass ein Objektiv überhaupt nicht für eine Stauchung der Perspektive verantwortlich ist, kann man mit dem Ansatz a) (siehe oben) belegen. Man stellt sich an einen bestimmten Punkt und macht mit einer Brennweite ein Foto. Dann wechselt man die Brennweite aber nicht den Standpunkt und macht noch ein Bild.
Vergleicht man anschließend diese Bilder so wird man feststellen, dass die Perspektive immer dieselbe ist. Die Fluchtpunkte sind identisch, die Abstände der Objekte auf dem Bild zueinander sind identisch etc. Im Grunde sorgt eine längere Brennweite also nur für eine Ausschnittsvergrößerung aus dem theoretisch möglichen Bild (wir lassen das Spiel mit der Schärfentiefe mal bewusst außer Acht)

Hier eine Serie von Bildern: 70mm, 50mm, 22mm und 10mm
Perspektive 70mm Perspektive 50mm Perspektive 22mm Perspektive 10mm
Wie man sehen kann war das Wetter ziemlich bescheiden und die Blumen haben auch schon bessere Tage gesehen smile
Was man aber auch sieht: Je weniger Brennweite, also je weitwinkliger das Objektiv, desto mehr ist in Blickrichtung zu sehen. Aus fotografischer Sicht alles ganz unterschiedliche Fotos. Das ist richtig.

Aber hat sich die Perspektive geändert? Nein!
Um das zu beweisen nimmt man einfach Ausschnitte aus den Bildern um nur die Informationen übrig zu behalten die bei 70mm zu sehen sind. Nachfolgend zu sehen die Ausschnitte die ich aus den 50mm, 22mm und 10mm Bildern genommen habe:
Perspektive 50mm auf 70mm Crop Perspektive 22mm auf 70mm Crop Perspektive 10mm auf 70mm Crop

Und hier die Ergebnisse. Das 70mm Original und die jeweiligen Ausschnitte aus dem 50mm, 22mm und 10mm Bild:
Perspektive 70mm Perspektive 50mm auf 70mm Perspektive 22mm auf 70mm Perspektive 10mm auf 70mm

Wie man hier schön sehen kann ist die Perspektive auf allen Bildern identisch. Wäre die Schärfentiefe und die Baulänge der Objektive noch identisch, dann hätte man exakt identische Fotos. Man könnte also sagen, dass man im Grunde nur ein 10mm Objektiv braucht – Ein Ausschnitt aus dem Foto ersetzt das Tele…
…das stimmt natürlich nur sehr begrenzt. Denn zum einen spielt natürlich die Schärfentiefe eine große Rolle bei einem Foto, zum anderen ist die Auflösung bei einem Bildausschnitt deutlich geringer (man stelle sich mal vor, man wollte aus einem 10mm Foto den Ausschnitt für ein 300mm Bild nehmen ;)) – Aber mal rein von der Perspektive gesprochen stimmt die Aussage.

Fotografischer Ansatz
Aber warum hält sich die Aussage so hartnäckig, dass ein Tele die Perspektive zusammen stauchen würde?
Ganz einfach: Fotografen betrachten natürlich selten die Physik, Optik oder Technik sondern konzentrieren sich auf das Foto das sie machen möchten – und vorweg: das ist auch völlig in Ordnung so!
Wenn ich nun also diese Blume in einer bestimmten Größe auf meinem Foto abbilden möchte und dabei mit verschiedenen Brennweiten experimentiere, dann muss ich je nach Brennweite meinen Abstand zur Blume verändern. Nehme ich ein Weitwinkel, dann muss ich näher ran. Nehme ich ein Tele, so muss ich weiter weg gehen.

Genau durch diese Standortwechsel – und durch nichts anderes – ändert sich natürlich die Perspektive. Entferne ich mich von einem Objekt, so wächst dieses Objektiv zunehmend mit dem Hintergrund zusammen – ganz egal ob für das menschliche Auge oder ein beliebiges Objektiv. Greife ich dann aber zu einem Tele-Objektiv, so vergrößere ich quasi einen weit entfernten Ausschnitt in Blickrichtung und mache dieses „zusammenwachsen“ – die „Stauchung“ – deutlicher Sichtbar.
Nochmal: Ich könnte auch hier wieder zu einem Weitwinkel greifen und aus diesem Bild eine Ausschnittsvergrößerung machen! Aber man greift natürlich zum Tele um die volle Film- oder Sensor-Auflösung für das gewünschte Foto zu nutzen und natürlich kann man mit dem Tele das Motiv deutlicher vom Hintergrund freistellen weil man eine geringere Schärfentiefe erreichen kann.

Hier mal ein Beispiel um diese so oft besprochene „Stauchung der Perspektive“ zu sehen. Ich habe versucht die Blume immer möglichst gleich groß im Bild zu haben. Die Bilder entstanden bei 10mm, 22mm, 50mm, 70mm und 133mm.
Perspektive 10mm b Perspektive 22mm b Perspektive 50mm b Perspektive 70mm b Perspektive 133mm b

Sicher, die Bilder gewinnen jetzt keine Schönheitspreise bigsmile aber darum geht es hier ja auch nicht.
Wie man aber sehen kann ist die Blume immer ungefähr gleich groß im Bild zu sehen. Die Perspektive ändert sich aber drastisch! Das ist ja auch ganz logisch da ich ja meinen Abstand zur Blume für jede Aufnahme ändern musste. Bei 10mm habe ich die Blume mit dem Objektiv schon fast berührt. Durch diese Nähe ist die (leider längst ausgeblühte) Blühte kaum zu sehen wegen des Blicks nach oben bei dieser kurzen Distanz.
Mit zunehmender Brennweite musste ich weiter weg von der Blume bis ich kaum noch im Zimmer stand. Durch diese veränderung der Perspektive rückt der Hintergrund näher heran.
Nochmal: Ich hätte auch einfach von jedem dieser unterschiedlichen Standorte je ein Foto mit dem 10mm Objektiv machen können und dann wieder einen Ausschnitt der mitte nehmen – es wäre exakt derselbe Effekt zu sehen.

Fazit
Nicht das Objektiv und nicht die Brennweite ändern die Perspektive. Allein der eigene Standort im Bezug auf das Motiv ist dafür verantwortlich. Wenn ein Fotograf also meint: „Ein Tele staucht die Perspektive so schön“ dann meint er im Grunde: „Wenn ich ein Tele nehme dann kann ich weiter weg gehen und dadurch das Motiv näher mit dem Hintergrund zusammenbringen ohne dass es kleiner abgebildet wird“

Ich hoffe, ich konnte etwas Klarheit in die Diskussion bringen. Probiert es doch einfach selbst mal aus – denn eines ist ja klar: am meisten Spaß macht es zu fotografieren, egal warum die Perspektive schön ist oder nicht bigsmile

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6 Kommentare zu “Tele staucht, Weitwinkel streckt?

  1. Der Knipser

    Ja, und was bleibt ist, daß ein Teleobjektiv die Perspektive staucht! Der Rest ist praxisferne Theorie. Richtig; aber völlig unnützes Wissen, da man natürlich immer den Aufnahmestandpunkt wechselt, wenn man z.B. vom 200mm Tele auf ein 18mm Weitwinkel wechselt.

  2. Tut es nicht. Lies nochmal ;)
    Keine Optik staucht irgendetwas. Aber je weiter etwas von unserem Standpunkt entfernt ist, desto mehr erscheinen die Dinge zusammen“gestaucht“ zu sein. Das macht nicht die Optik sondern die Perspektive.

  3. Der Knipser

    Lies Du auch noch einmal… :-) Es ist in der Praxis völlig irrelevant, ob die Optik staucht oder nicht. Wenn ich ein Motiv „stauchen“ will, nehme ich ein Teleobjektiv und fotografiere aus größerer Distanz, statt mit einem Weitwinkel aus der Nähe zu fotografieren, um dann 90% des Bildes wegzuschneiden. Zusammengefasst staucht ein Teleobjektv nicht, aber man benutzt es dazu. Mit diesem Wissen machen wir also einfach weiter wie zuvor oder sind total verwirrt…

  4. Der Knipser

    … und da höre ich einen von Euch im Glücklichen-Anfertigen-von-Fotos-Podcast, er hätte ein Teleobjektiv benutzt, um das Motiv zu komprimieren.
    Klingt mir das nicht verdächtig nach „stauchen“?
    Aber wenn ich Deinen letzten Kommentar noch einmal lese, steht da ja schon, dass es so scheint, als ob gestaucht wurde. Na prima, dann fotografiere ich einfach weiterhin bei Bedarf mit einem Teleobjektiv, so, als ob ich das Motive stauchen würde.

  5. Hi :)
    @Der Knipser
    Du verwendest den Begriff „stauchen“ schlicht weg falsch. Wenn du ein Motiv stauchen würdest, würde es am Schluss verzerrt aussehen. Wenn du allerdings mit einem Tele ranzoomst um nicht, wie bei einem Weitwinkel, hinterher die Hälfte wegzuschneiden, dann ist dies kein „stauchen“ des Motivs. Genauso wenig kann durch einen Weitwinkel ein Motiv „Strecken“. Das einzige was sich verändert ist die Perspektive auf ein Motiv. Ob du die gewünschte Perspektive nun mit einem Tele oder einem Weitwinkel erhälst ist alleine dir überlassen.
    „Stauchen“ oder „Strecken“ ist nicht möglich.

  6. Schöner Artikel. Verstehe nicht warum es ihn überhaupt geben muss. Im Grunde sagst Du doch in ~1000 Worten nur:
    Ein Baum der 5 Meter hoch ist und 2 Meter breit… bleibt immer ein 5 Meter hoher und 2 Meter breiter Baum!
    Egal ob mit 10mm, 50mm, 150mm oder 500mm aufgenommen.
    Oder hab ich den Sinn des Artikels missverstanden? :)

    Einzige Außnahme die mir gerade einfällt ist ein FishEye. Das verzerrt die Wahrheit – mehr oder wenig – stark. Aber normale Objektive strecken oder stauchen nix. Falls doch… Reklamation! :)

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