Warum ich nicht mehr ins Kino gehe?

Ich las gerade, dass zwei Kino-Ketten Universal boykottieren möchten, weil diese in der Corona-Krise einen Film am Kino vorbei sofort digital veröffentlicht haben – und damit mehr Geld verdient haben als beim vorherigen Film mit Kino-Start.

Da stellte sich mir die Frage, ob das für die Kinos wirklich ein kluger Schachzug ist und ob nicht irgendetwas völlig falsch läuft mit den Kinos? Ich jedenfalls war sehr lange nicht mehr im Kino – aus Gründen, die nicht mal etwas mit dem Preis zu tun haben

Keine Geschichten, Hauptsache laut

Ich werde nun auch nicht jünger und ich war in den letzten 10-20 Jahren quasi nicht mehr im Kino (die Ausnahmen kann ich an einer Hand abzählen). Warum?

Zum einen weil kaum noch gute Filme gedreht werden. Damit meine ich gute Geschichten erzählen! Ich rede nicht von perfekten 3D-Effekten (die gibt es – und es gibt auch reihenweise sehr schlechte, auch in aktuellen Produktionen) und Krawall im Highspeed-Tempo sondern von wirklich guten Geschichten. Die Zeiten scheinen vorbei zu sein.

Lange Filme sind doch nur noch deshalb lang, weil dann für Überlänge auch mehr Geld genommen werden kann. Die Filme sind nicht länger, weil mehr Inhalt transportiert würde, im Gegenteil ist mein Eindruck heute: Je länger der Film, desto kürzer hätte er sein können.

Es gibt Remakes am Laufenden Band die aber nur selten besser als das Original sind sondern schlicht für eine jeweils neue Generation gemacht werden – lauter, schneller, jünger, absurder oder brutaler.

Laut = gut? Nein!

Und es scheint überhaupt NIEMANDEN mehr zu geben, der GUTEN SOUND beherrscht. Durch die Bank: NIEMANDEN!

Guter Sound wird seit zig Jahren gleichgesetzt mit: Es muss LAUT KRACHEN und zwar aus allen Ecken des Saals. Damit es auch wirklich RICHTIG laut wird – gefühlt lauter als die Realität es wäre – gibt es Tricks die über die Jahre immer weiter getrieben wurden:

  • Der Maximal-Pegel wird hochgefahren bis an/über die Schmerzgrenze
  • Die Action-Szenen werden per Kompressor möglichst am Maximal-Pegal gehalten (suche auch nach „loudness war“ im Bereich der Musik-Industrie, die Waisenknaben dagegen sind)
  • Die Dialoge werden möglichst leise gemischt, so dass man sie gerade noch versteht. Das Ergibt in Summe natürlich eine tolle Dynamik, die aber real kompletter Irrsinn ist

Einen der damals neuen Star Trek Film wollte ich im Cinemaxx Göttingen anschauen. Mehrere Leute inkl. mir beschwerten sich schon bei der Werbung über schmerzende Ohren. Es wurde kurz leiser gemacht, der Film war wieder maximal laut – ich hatte zum Glück Ohrenstöpsel dabei. Nach schriftlicher Beschwerde und lapidarer Antwort „Alles ist wie es sein soll“ war das Kino tabu für mich.

Es gibt (inzwischen gab) ein kleines Kino in Einbeck dessen Betreiber das selbst bemerkte und verstanden hatte. Er erzählte mir, nachdem ich den Sound lobte, dass er die Vorgaben der Studios für absurd halte. Er machte den Center ein paar dB lauter (Dialoge gut hörbar) und die Effekt-Kanäle ein paar dB leiser (kein Tinitus nach 2h Action Film) – Top! Dort bin ich dann ein paar mal gewesen, das einzige Kino in dem ich noch war – nur eben, siehe oben, ohne Filme die mich interessieren gibt es auch keinen Kinobesuch von mir… Damit bin ich offenbar nicht allein denn sonst gäbe es das Kino noch sad

Ambiente

Es gab früher Film-Theater. Ich nennen sie bewusst so denn so gaben sie sich. Es waren elegante Häuser und Räume, mit tollem Foyer, schönem Licht-Ambiente, die Säle hatten etwas edles, teils mit großem Kronleuchter. Vorne gab es eine verzierte Bühne auf der die Leinwand stand. Viele Theater hatten vor den Sitzen kleine Tischbänke um Getränke abzustellen oder Jacken aufzuhängen.

Ganz früher ging nach der Werbung das Licht an und man konnte Eiskonfekt oder Nüsschen kaufen weil Damen und Herren mit Bauchladen durch die Reihen gingen.

Das alles wurde verdrängt, vorrangig wohl von Cinemaxx aber sicher auch von anderen Ketten – wobei es ja wohl nicht mehr so viele sind. Einzelne Betreiber gibt es im Grunde gar nicht mehr, alles wurde vereinheitlicht und was nicht genug Profit abwarf wurde geschlossen.

Übrig blieben am Ende Schuhboxen bei denen eine Wand die Leinwand ist mit engen Sitzreihen wie in einem günstigen Reisebus. Ablagemöglichkeiten gibt es kaum noch und man hofft, dass die Plätze neben einem frei bleiben, damit man die Jacken und Popcorn-Dosen irgendwo hinstellen kann. Beine strecken ist nicht möglich, was bei vielen dazu führt, dass sie nach spätestens einer Stunde unruhig werden. Dass im Fastfood-Stil verschandeltem Shop Cola-Becher mit 0,5l als klein gelten hilft auch nicht die Menschen sitzen zu lassen wink

Statt Stil und Charme gibt es also nur neureichen Show-Prunk, wenn überhaupt. Statt entspannter Unterhaltung gibt es Gedränge wie im Mallorca-Flug-Shuttle zur Hauptsaison.

Paradox… weil die meisten Kinos gar nicht mehr so gut besucht sind… man könnte die Reihen lockern, Ablageflächen schaffen und den Gast als solchen behandeln und vielleicht würde das sogar honoriert werden?

Preise

Und ich bin noch lange nicht bei den Preisen…

+ Extra für Vorbestellung (sollte das nicht eher günstiger sein?)
+ Extra für Platzreservierung
+ Extra für nicht direkt vor der monströsen Leinwand sitzen
+ Extra für 3D + Extra für Überlänge (auf die letzten Punkte habe ich quasi keinen Einfluss, soll sie aber zahlen)
+ Equivalent eines Familien-Ausflugs inklusive 3 Malzeiten für ein paar aufgewärmte (nicht frisch gemachte!) Popcorn und ein Getränk…

Nein, Danke. Und doch sind die Preise bei mir nicht der Hauptgrund. Gäbe es gute, intelligente Filme und könnte ich die ohne Gefahr für meine Gesundheit genießen, würde ich die Eintrittspreise in Kauf nehmen – Ich muss ja keine Getränke vor Ort kaufen.

Gedanken

Auslöser ist die Universal-Produktion „Trolls on World Tour“, der nun direkt digital vertrieben wurde – die Kinos sind ja geschlossen wegen der Corona-Pandemie. Da Universal nun gesehen hat, wie gut man damit Geld verdienen kann, möchten sie das wohl auch weiterhin so versuchen, so jedenfalls die Idee. AMC Theaters finden das nicht gut und nun möchte auch Cineworld einen Universal-Boykott.

Das kann ich nachvollziehen, frage mich aber, ob das nicht zu kurz gedacht ist. Wenn der einzige Punkt für die Kinos ist, dass sie die Filme exklusiv zeigen dürfen bevor sie digital verfügbar ist, was ist denn das für ein Geschäftsmodell? Ein ziemlich dünnes, wie ich finde!

Ich sehe da Parallelen zu meinen Erfahrungen mit dem Einzelhandel, der auch immer auf den Online-Handel schimpft aber selbst nichts dafür tut für die Kunden interessant zu sein (Ausnahmen gibt es glücklicherweise). Und hier bauen Kinos allein darauf, dass sie Filme als erstes zeigen dürfen…

… na dann lass mal niemanden darauf kommen, die Kino-Prämiere einfach mal zu ignorieren. Es könnte sich das Gedankenmodell durchsetzen, dass ein Film erst „erschienen“ ist, wenn er online geklickt werden kann – Was dann, liebe Kino-Ketten?

4 Kommentare zu “Warum ich nicht mehr ins Kino gehe?

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