Prügelknabe Diesel? Jean Pütz

Jean Pütz hat sich in seinem Facebook-Kanal zu Wort gemeldet. Es geht um den Diesel und darum, dass er meint, dass zu Unrecht auf ihn eingeschlagen wird. Der Diesel hat seiner Meinung nach einen hohen Wirkungsgrad und der Kraftstoff könne mit Photovoltaik, Wasserstoff und CO2 umweltschonend erzeugt werden. Er hatte dann noch einen Nachtrag dazu.

Naja… er verliert am Ende schon etwas die Fäden. Ich mag ihn, habe ihn in meiner Jugend gerne in der Hobbythek gesehen und etwas Ruhe und Sachlichkeit hilft auf jeden Fall bei den aktuellen Diskussionen.

Ich habe ein paar eigene Gedanken zu diesem Thema…

Gedanken zu seinem Nachtrag

Mein Kommentar zum Nachtrag von ihm:

Würde man alle Diesel, also auch LKW und Schiffe stilllegen, wie würde dann der Güterverkehr funktionieren? Diese Frage stellt er und ich erkenne ein altes Denkmuster: Egal wie offen man seinen eigenen Geist hält, man kann doch nur in den Bahnen denken, die man kennt – Ich nehme mich selbst nicht aus.

Aber überlegen wird doch mal. Die Bahn kann die Güter elektrisch transportieren und elektrische Transporter können von und zu den Bahnhöfen liefern. Die Post baut sich inzwischen eigene, elektrische Lieferfahrzeuge die inzwischen auch von anderen bestellt werden. Elektroantriebe für Schiffe gibt es bereits, Alternativen zum Diesel gibt es auch und moderne Segler werden konzipiert und getestet. Nur weil etwas Heute nicht denkbar scheint, muss es in 20-50 Jahren ja nicht unmöglich sein.

Man könnte noch viel weiter „spinnen“ und überlegen, ob so ein gewaltiger Güterverkehr überhaupt notwendig ist oder ob, mit neuer Infrastruktur, andere Lösungen denkbare wären. Ob Güter mal wieder länger halten könnten, im eigenen Land produziert werden könnten, ob moderne 3D-Drucker viele Transporte überflüssig machen könnten… Ja, heute noch Zukunftsmusik – wann kommt das Äquivalent zum Replikator aus Star Trek? wink

Gedanken zu Jean Pütz ersten Video

Er schlägt vor, regenerativen Diesel zu erzeugen. Mithilfe der Sonne Strom erzeugen um dann Wasserstoff zu erzeugen… und CO2 … um dann Diesel…. ääähm… ja, kann man machen – man kann mit dem Strom aber auch gleich fahren?!

Er fragt, wo die ganzen Straßenparker die Elektrofahrzeuge aufladen sollen und gerät dann auf die Argumentationsschiene, dass diese Fahrzeuge wohl nur für wohlhabende Eigenheimbesitzer wären? Das mag Heute so sein weil es noch keine so große Infrastruktur gibt. Aber lieber Jean Pütz, als das Auto damals erfunden wurde, musst man auch erst zu einer Apotheke fahren und hoffen, dass diese etwas Kraftstoff für einen hatten. Das Tankstellen-Netz wie wir es Heute kennen, ist über sehr viele Jahre aufgebaut worden. Es gibt bereits eine Firma, die eine Ersatz-Klappe für Straßenlaternen liefert, mit der jede Laterne zu einer Ladestation werden kann. Parkhäuser und Supermärkte könnten ihre Parkplätze mit Ladeanschlüssen ausrüsten um so zusätzliche Einnahmen zu generieren und sich einen Vorteil gegenüber dem Mitbewerb zu verschaffen, Unternehmen könnten ihren Angestellten Ladesäulen zur Verfügung stellen. Es gibt noch viel mehr Ideen.

Und auch hier sollte man ganz vorne weg fragen, ob so viele Straßenparker überhaupt die Zukunft sind? Gäbe es für die Zukunft nicht bessere Lösungen für den Stadtverkehr? Fahren bald autonome Fahrzeuge auf Abruf vor, so dass viel weniger davon benötigt werden die außerdem die meiste Zeit in Bewegung sind statt Platz am Straßenrand zu blockieren? Ist Individualverkehr weiter erstrebenswert oder schließt er sich gar nicht aus mit neuen Entwicklungen? Natürlich möchte ich dann fahren, wenn ich möchte und wohin ich möchte und möglichst vor die Tür – das muss aber nicht zwingend mit meinem Eigentum geschehen. Viel praktischer wäre es, wenn ich je nach Bedarf ein passendes Fahrzeug hätte. Etwas kleines zum Pendeln, etwas großes zum Pferd transportieren, etwas geräumiges zum Transport von Möbeln und so weiter. On Demand sozusagen.

Es ist meiner Meinung nach nicht korrekt und schon gar nicht fair, eine neue Technik mit einer etablierten zu vergleichen, ohne die lange Entwicklungszeit der alten Technik ins Verhältnis zu setzen. Also, einfach mal nach vorne Blicken – wir werden ja nicht morgen aufwachen und nur noch Elektrofahrzeuge haben, das ist ein langsamer Wandel mit viel Zeit für den Auf- und Ausbau der Infrastruktur.

Natürlich spricht er die Reichweite an… Leute, die Fahrzeuge sind vor einigen Jahren auch nicht über 1000 km gefahren und auch Heute machen das längst nicht alle Diesel. Es war Früher auch normal, dass man nach 400 km, oder weniger zur Tankstelle gefahren ist. Akkus werden aktuell auch immer besser und Leistungsfähiger und, wenn wir schon beim Wirkungsgrad sind, auch Jean Pütz wird wohl nichts gegen den Wirkungsgrad eines Elektromotors sagen können, oder? (Spoiler: Benziner/Diesel so um 25% bis 40%, im Stadtverkehr auch mal unter 5%, Elektromotor um 95% – Quelle) Toyota hat feste Pläne für Elektrofahrzeuge mit Feststoff-Akkus. Hohe Reichweiten, kurze Ladezeiten.

Und die Kosten für die Akkus? Die werden sinken wenn die Produktionen entsprechende Stückzahlen erreichen. Was kostet denn so ein Verbrennungsmotor? Wer schon mal einen Austauschmotor brauchte, weiß wovon ich rede.

Dann kommt der Punkt, an dem er sich meiner Meinung nach etwas verhaspelt. Er schlägt vor einen „modifizierten Hybriden“ zu bauen, bei dem ein kleiner Diesel nur dazu dient den Akku zu laden. Gibt es schon, nennt sich Range Extender oder Plugin Hybrid. Ob es dafür nun sinnvoller ist einen Diesel oder einen Benziner einzusetzen, überlasse ich mal den Technikern. Tatsache ist aber, dass so ein zusätzlicher Motor und ein zusätzlicher Tank etc. Gewicht darstellen, was seine Argumentation von leichten Hybriden ohne Getriebe (darum leicht, weil kein Getriebe sagt er) ein wenig zunichte macht.

Und dass es keine Ökobilanz für Elektroautos gäbe ist auch nicht ganz korrekt. Man findet sie reichlich im Netz und oft um darzustellen, wie dreckig die E-Fahrzeuge wären. Im Vergleich wird aber bei fast allen Berichten, die ich gelesen habe, ein Fehler begangen: Beim E-Fahrzeug wird die Produktion der Batterie eingerechnet, was ja korrekt ist. Beim Verbrenner wird einfach mal vorausgesetzt, dass der Kraftstoff vom Himmel fällt wink Dass das Öl aus der Erde getrieben werden muss, dass dafür Umweltschutz gebeugt wird, dass es schwere Umweltkatastrophen bei Unfällen gab und gibt, dass das Öl transportiert werden muss (und die Tankschiffe dafür auch produziert werden müssen, genau wie Solarzellen oder Windräder), dass es raffiniert werden und erneut transportiert werden muss und so weiter, das wird sehr gerne mal übersehen um die E-Mobilität schlecht zu reden.

Wer eine wirklich umfängliche Ökobilanz für Elektro und ebenso für Verbrenner findet, schreibt gerne einen Link in die Kommentare. Hier wäre mal ein Bericht, der laut Text die Diesel-/Benzinproduktion berücksicht hat.

Also

Die Technik der Verbrennungsmotoren ist alt. Über 125 Jahre. Man darf schon mal akzeptieren, dass es Alternativen gibt – Und statt mit Aufwand weiter flüssige Kraftstoffe zu erzeugen die in die Luft gepustet werden, kann man auch mal überlegen, die regenerativ erzeugte Energie direkt zu nutzen.

Ja, Akkus müssen auch produziert werden – genau wie Kraftstoffe, Motoren, Starter-Batterien etc. auch. Im Gegensatz zu letzterem geht die Entwicklung bei ersteren aber gerade voran. Kapazitäten werden gesteigert, Materialien optimiert, die Akkus können noch lange nach der Nutzung im Fahrzeug als Speicher für Haus u.ä. genutzt werden, Recycling ist möglich und wird auch immer weiter entwickelt – da steht man ja erst am Anfang verglichen mit den bisherigen Motor-Techniken.

Also: Ja, lieber nicht in panischen Aktionismus verfallen sondern lieber die Weichen stellen für sinnvolle Alternativen.

9 Kommentare zu “Prügelknabe Diesel? Jean Pütz

  1. Es wird immer moniert, dass der Strom von Elektroautos ja nicht einfach so „aus der Steckdose“ kommt. So wäre die „grüne Bilanz“ dahin.
    Gehen wir davon aus das es überall Ladestationen gibt und der großteil der Verbrenner würden durch Elektroautos ersetzt. Wir könnten sofort unseren derzeitigen Stromexport beenden (JA, wir prozudzieren ZUVIEL Strom!). Weiterhin können wir die gesparten Ressourcen (Benzin/Diesel/öl) zentral „Verbrennen“, was vom Wirkungsgrad her WESENTLICH effizienter ist, als mehrere Millionen „kleine, ineffiziente Kraftwerke“ (also Verbrenner) durch unsere Städte fahren zu lassen. Wir würden gleichzeitig die Luftqualität steigern und den Verkehrslärm reduzieren.

  2. „Gäbe es für die Zukunft nicht bessere Lösungen für den Stadtverkehr? “ Das ist genau der Punkt. Es sind nicht nur die Fahrzeuge an sich, die die Umwelt so stark belasten.
    Hauptquelle ist der extrem ineffiziente Einsatz der Mobilitätsresourcen: Mehr ÖPNV, mehr Car-Sharing, mehr Fahrgemeinschaften, mehr Möglichkeiten zum Carhopping, mehr Fahrradnutzung.
    Ich bin mir sicher, würden alle Beteiligten (Verkehrsplaner, Gesetzgeber und ganz besonders die Verkehrseilnehmer) mehr über den effizienten Einsatz der Mobilitätsresourcen nachdenken, würde gerade an den Stellen, an denen es zur Zeit zu großen Umweltbelastungen kommt, schon alleine Aufgrund des effizienteren Einsatzes die Belastungen erheblich reduziert.
    Wir als Verbraucher sind als erstes in der Pflicht, nach diesen System zu verlangen. Wo eine Nachfrage ist, wird auch jemand diese Nachfrage befriedigen (wenn man ihn lässt und nicht wie Uber aus (Taxi-)Lobbygründen verbietet.

  3. diese reichweiten diskussion… da schüttelt es mich ja auch immer… wer fährt den mit seinem auto 500/600km, oder noch weiter, am stück ohne mal ne halbe stunde pause zu machen ?

    • Welches E-Auto fährt nach einer halben Stunde Pause erneut 500km?

      • Wenn ich E-Kfz-Fahrer höre, dann ist dies überhaupt nicht erforderlich – in den meisten Fällen. Es wird nämlich nicht gefahren bis er leer ist sondern es wird ständig nachgeladen. Also etwa so, als würde man mit seinem Benziner jeden Abend wieder nachtanken oder auch mal zwischendurch, wenn man in der Firma angekommen ist etc. Das Konzept ist einfach anders und JA, JETZT ist das nur dort möglich, wo auch Steckdosen sind. DAS könnte man aber recht schnell ausbauen.

  4. „Nur weil etwas Heute nicht denkbar scheint, muss es in 20-50 Jahren ja nicht unmöglich sein.“

    Richtig, aber das Dieselfahrverbot soll nicht in 20-50 Jahren kommen sondern sofort. Von daher ist der Text ziemlich unausgegoren. Tatsächlich ist Jean Pütz viel näher an einer vernünftigen Sicht der Dinge. Nur weil etwas seit 125 Jahren existiert muss es nicht veraltet sein. Im Gegenteil, weil es 125 Jahre existiert befindet es sich auf hohem Niveau das weiter verbessert werden kann. Die neuen E-Autos sind unausgegoren, das ist Fakt. Reichweiten von maximal 300km sind einfach nicht realistisch, die Ladezeiten sowieso nicht.

    Aktuell wird es nicht möglich sein alle Fahrzeuge, incl. Schiffe, Lastwagen und Co auf Strom umzustellen ohne nicht sofort ein dutzend neue Atommeiler aufstellen zu müssen. Wollen wir das? Wenn dann müssen ALLE Verbrenner aus den Städten ausgesperrt werden, natürlich mit den dementsprechenden Maßnahmen im Nahverkehr. Was aktuell passiert ist nichts anderes als eine Umverteilung der Umweltschäden vom Diesel auf andere Bereiche die nicht weniger gefährlich sind. Dann halt am Ort der Erzeugung. Doch selbst dann hätte man die Probleme bez. Reichweite nicht gelöst.

    • Die Reichweite wird sich schneller lösen als wir glauben. Renault hat der Zoe erst neue Akkus spendiert, die die Reichweite extrem verbessert haben, nicht weil sie mehr Volumen hätten sondern weil die Energiedichte gesteigert wurde.
      Ich bin gespannt, was Toyota mit den neuen Akkus bringen wird – wenn das kein Flopp wird, wird schnelles Laden und große Reichweiten schon viel besser sein.

      Und ja: ICH kann JETZT mit NUR einem E-Auto nicht auskommen weil ich auch mal größere Strecken fahre. ABER: Mit ein wenig guten Willen wäre es schon möglich: Für 90% der Fahrten (oder mehr?) käme ich mit der Reichweite einer Zoe vermutlich locker aus und wenn ich mit dem Vermieter einen Ladeanschluss für zu Hause geklärt bekäme – perfekt. Für die paar längeren Reisen und Transporte, würde ich mir dann einfach einen Verbrenner für einen Tag oder eine Woche mieten können…. bis die E-Kfz auch entspannte Langstrecken ermöglichen (durch schnelles Nachladen oder mehr Kapazität)

      Und dass bei der ganzen Diskussion immer panisches Handeln für die Wählergunst praktiziert wird, streite ich nicht ab. Das ist auch Quatsch. Wenn ich lese, dass die Abgaspartikel der Diesel gar nicht das große Problem in der Stadt sind sondern Abrieb der Straße und von den Bremsen… fasse ich mich auch an den Kopf – weil ein Dieselverbot ändert daran dann auch nichts (egal woraus wir den Diesel dann gewinnen wollen)

      Und: JETZT können wir auch die Dieselproduktion nicht umstellen auf Sonnenenergie, Wasserstoff, etc. Da müssen ganz andere Unternehmen überzeugt werden – hältst Du das für realistischer? Ich nicht ;)

  5. Gut geschrieben,

    Wenn die Städte, Gemeinden und das Land zuerst einmal ihre Flotten umstellen würden,
    wäre schön ein großes Ziel erreicht.
    Auch die Deutsche Bahn betreibt viele Reginalbahnen in die Städte mit Diesel, man hört nichts von der Bahn AG das schnellst möglich zu ändern.
    Die Schadstoffbelastung auf dem Rhein (durch die Schifffahrt-bis auf den Personenverkehr-)
    nimmt leider auch nicht ab sondern bleibt übel.
    Der Personennahverkehr in die Städte erfährt auch keinen Ausbau.
    Wenn das geschafft ist, koennen Autos aus der Innenstadt verbannt werden😂.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.