Kunst inflationär?

Ich stolperte gerade über folgenden Blog-Beitrag mit dem Titel Verliert Kunst?“ von Christian Rieck

Diesen Beitrag fand ich interessant zu lesen und er brachte mich etwas ins grübeln. Hier meine Gedanken dazu.

Kunst ist Kunst, wenn…

…ja, wenn was? Ich stimme zu, dass der Begriff Kunst recht inflationär gebraucht wird. Ich stelle aber in Frage, dass Kunst dann Kunst ist, wenn es nur wenig davon gibt. Das hat Christian so nicht gesagt, es wäre aber eine mögliche Konsequenz. Gehen wir mal davon aus, dass einfach viele Menschen richtig gute Arbeit leisten, egal ob Fotografie, Bildhauerei, Malerei, Theater, etc. Ist das dann keine Kunst mehr, nur weil es viele tun? Dürfen nur ausgewählte Menschen als Künstler betitelt werden, damit sich der Begriff nicht abnutzt? Was ist, wenn diese wenigen Menschen ihre Werke Kunst nennen dürfen, es aber kaum jemanden gefällt? Ist es dann gute Kunst, weil es nur wenige Kenner erkennen oder ist es schlechte Kunst, weil sie kaum einer versteht oder erkennt?

Schweres Thema.

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Wandel der Zeit

Wenn man aber mal die Entwicklung betrachtet, fallen einem schon ein paar Dinge auf. Ich möchte es nicht beschwören, glaube aber, dass zu jeder Zeit sehr viele Leute Kunst machen konnten und gemacht haben. Schon damals kamen aber nur wenige privilegierte Künstler in den Genuss, beachtet und belohnt zu werden.

Sicher konnten auch früher viele Menschen gut zeichnen und malen oder schnitzen etc. aber nur wenige hatten gute Kontakte zu Kirche oder Königreich, um entsprechende Aufträge und so auch, private, Ausstellungen zu bekommen. Mein Opa hat ein paar Bilder gemalt, die würden im Louvre nicht auffallen, oder genau so sehr, wie andere Bilder dort auch, bekannt wurde er aber nicht, weil seine Bilder eben eher neu waren und nicht vor über 100 Jahren von einem „bekannten Künstler“ für einen mächtigen Herren gemalt wurden. Damals kam noch hinzu, dass nicht jeder das Geld für Leinwand, Pinsel und Farbe hatte. Wieder andere hatten auch einfach keine Zeit, da sie für Ihr Überleben lange und hart arbeiten mussten. Im übrigen waren viele Menschen, die heute als „alte Meister“ bekannt sind, zu Lebzeiten nicht wirklich als große Künstler bekannt.

Das alles hat sich geändert. Den meisten von uns geht es Heute deutlich besser als den Menschen im Mittelalter. Wir haben Geld und Zeit. Uns stehen weltweite Kommunikationskanäle zur Verfügung und wir nutzen sie.

Nur Handwerk

Konnte damals in einem Dorf jemand gut Zeichnen, so war er im Dorf bekannt. Es sprach sich noch zu den Nachbardörfern herum und mit etwas Glück wurde er für Kirchengemälde oder Königsportraits engagiert. Hatte dieser Mensch soviel Glück, so sprach sich sein Talent vielleicht noch in den Palästen der benachbarten Königreiche und reichen Familien herum. Dann war Schluss. Und selbst dann waren die Werke oft gar keine Kunstwerke im heutigen Sinne sondern ganz normale, handwerkliche Auftragsarbeiten. Natürlich haben die Auftraggeber und deren Gäste sich daran erfreut, aber wann wurde der Name des Malers als Künstler bekannt? Wann fing es an, dass Werke als Kunstwerke ausgestellt wurden?

Geschichte und Persönlichkeit

Der Übergang ist vermutlich fließend. Ob mal jemand die Idee hatte, Bilder oder Skulpturen im Auftrag günstig fertigen zu lassen um sie dann teurer zu verkaufen? Gibt man einem Werk eine Geschichte und Persönlichkeit, wird es dann zu Kunst.

Ich stimme zu, dass z. B. ein Foto nicht automatisch Kunst ist, nur weil es analog fotografiert wurde oder weil von Hand entwickelt wurde oder weil statt Objektiv eine Lochblende eingesetzt wurde etc. Es gehört mehr dazu, auch wenn die Absicht bei der Aufnahme noch gar nicht vorhanden sein muss.

Es ist aber schon so, dass auch sehr berühmte Fotografen mal ganz bescheiden angefangen haben. Bei manchen frage ich mich sogar, warum sie immer wieder als so große Fotografen dargestellt werden – würde man ihre Aufnahmen anonym in Foren oder bei flickr zeigen, sie würden oftmals gar nicht beachtet oder in der Luft zerrissen werden. Dennoch gelten viele dieser Aufnahmen als Kunst. Warum? Ich behaupte, weil den Bildern eine Geschichte gegeben wurde und die Person dahinter mit einer gewissen Aura versehen wurde. Wie dies geschah ist mir nicht immer ganz klar, aber es funktioniert. Es gab vor vielen Jahren mal ein Experiment bei dem ein Schimpanse Bilder gemalt hat, die dann ausgestellt wurden als Bilder eines neuen großen Künstlers. Das Hallo war groß, als der Künstler dann gezeigt wurde und einige Kunst-Experten waren wohl ziemlich getroffen.

Kunst Inflation

Heute können wir alle unsere Werke im Internet präsentieren. Manche tun das geschickter als andere und so glauben wieder neue Menschen, dass diese Werke besonders kunstvoll oder wertvoller als andere seien.

Natürlich müssen wir unterscheiden zwischen Party-Schnappschuss und eher geplanter Arbeit, ohne das jetzt in zu enge Fesseln legen zu wollen. Ein langweiliges Foto von einem Fahrrad bleibt ein Foto einem Fahrrad, egal mit welchem Bildformat oder welcher Technik es aufgenommen wurde. Ob wir das Bild dann als Kunst wahrnehmen, hängt wohl eher von anderen Parametern ab: Ist es eine ganze Serie, die in der Summe eine Aussage oder Geschichte für uns ergibt? Ist das Bild nicht mehr so langweilig, wenn wir erfahren wessen Fahrrad das ist oder warum es dort steht/liegt?

Ich möchte darüber nicht abschließend urteilen, weil auch ich dies immer wieder neu entscheide, von Bild zu Bild. Was ich aber sagen kann ist, dass man früher vielleicht mal ein solches Bild zu sehen bekommen hat. Heute bekommt man jeden Tag tausende solcher Bilder zu sehen. Kunst oder nicht?

Wenn alle Menschen Superkräfte haben, ist dann niemand mehr super oder sind dann alle super? Ich sage: Alle super smile Viele Fotos, Malereien etc. tragen sicher verdient den Titel Kunst, egal, ob ich das nun nachvollziehen kann oder nicht. Und wenn eine Putzfrau in einer Ausstellung einen Fettfleck entfernt oder eine Wanne säubert, obwohl beides ausgestellte Kunstwerke waren, dann schmunzele ich, denn ich weiß: Es denken noch andere so wie ich – „Ist das Kunst oder kann das weg?“ …Das hat man aber ganz sicher zu jeder Zeit gesagt. Bei jedem neuen Mal-Stil, jeder neuen Musikrichtung, jeder neuen Formsprache usw.

Was ich persönlich als sehr kunstvoll betrachte: Wenn jemand einen neuen, eigenen Stil zeigt, neue Wege findet, neue Dinge sieht oder zeigt, allgemein etwas tut, was man so noch nicht gesehen hat. Das wird in der heutigen immer schwerer und doch passiert es noch.

Was meint Ihr?

3 Kommentare zu “Kunst inflationär?

  1. Mit Deinem Blog sprichst Du mir aus der Seele.
    Ich habe für mich selbst es so definiert, Kunst ist es in meinen Augen wenn es mich berührt. Das kann auf positive, wie auch auf negative Weise sein.
    Da hat die Masse an Werken nur noch den Einfluss das gewisse Sujets sich schneller abnutzen.
    Ich merke das ich viel zu wenig selber stöbere und mir zuviel vorsetzen lasse. Sei es Film, Musik oder auch bei Bildern.
    Eine interessante Frage warum ist eine Fälschung eines Bildes das über Jahre in einem Museum hing und von den Menschen bestaunt und bewundert wurde auf einmal weniger wert weil es eine Kopie ist. Die Wirkung auf die Menschen hat es trotzdem.

    Die Fragen die sich mir dabei auch stellen sind:
    Haben Künstler ein recht auf Alimentierung damit die Kunst „frei“ bleibt und wenn ja wann.
    Ist jemand erst Künstler wenn er davon lebt und leben kann? Auch wenn andere Menschen Kunst schaffen können.

    Warum gibt es eine Staatliche Oper aber keine Staatliche Heavymetal-Gruppe. Es wird da eine Kunstform durch die Allgemeinheit subventioniert, zu der viele Leute keinen Zugang haben oder die sie nicht berührt.

    Ist die Kunstszene eigentlich nur ein Kapitalanlagemarkt der geschickt bedient wird?

    Ein Thema über das ich viel nachdenken kann danke für die Anregung

    Gruß
    Rainer

  2. Hallo zusammen,

    IMHO unterscheidet sich Handwerk und Kunst schon: Handwerk kann man erlernen.

    Wie z.B. die Bedienung einer DSLR. Aber das Auge, das nötig ist um „besondere Bilder“ zu erzeugen, ist ein ganzes Stück Begabung.

    Für mich ist Kunst etwas, das aus der Maße des, handwerklich gut gemachten, heraussticht, weil es eben nicht rational zu fassen ist, sondern berührt. Dazu muß der Erschaffer nicht davon leben können, das ist ein schöner Nebeneffekt. Ein guter Handwerker kann aber/sollte aber schon von seiner Arbeit leben können.

    Grüße Thomas

  3. Pingback: Was macht „Kunst“ zu „Kunst“?

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